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Aufklärung im Rückwärtsgang

Habt ihr Gedanken, die mit anderen geteilt werden müssen?

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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon fermat am Fr 30. Mär 2018, 22:32

Oblomov hat geschrieben:Ich sprach von der "links-liberalen Elite", nicht vom linken Pöbel. Also eher von Leuten, die die ZEIT abonniert haben und Habermas und Heribert Prantl toll finden.
Auf der anderen Seite gibt es ja auch das grölende "Pack" - und dann noch Leute wie Safranski oder Sieferle.

Wo befindet sich denn diese links-liberale Elite?
Wenn ich an Linke denke, denke ich an Claudia Roth, Kathrin Göring Eckardt, Petra Pau, Cem Özdemir ...
Nicht gerade eine geistige Elite, wobei sie sich selbst bestimmt für intellektuell herausragend halten.
Als einzige intelligente Linke kann ich spontan Sarah Wagenknecht nennen. Ich teile zwar ihre Weltanschauung nicht, kann sie aber im Gegensatz zu anderen Linken respektieren, weil bei ihr soetwas wie Verstand identifizierbar ist.
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon manniro am Sa 31. Mär 2018, 07:14

Oblomov hat geschrieben:Generell würde ich schon sagen, dass dort, wo die politische Gesinnung im Vordergrund steht, die Aufklärung tendenziell einen schweren Stand hat, gerade weil sich politisches "Stammesdenken" schwer mit einem rationalen Diskurs in Einklang bringen lässt.


Das trifft auf jede ideologische Programmatik zu, weshalb ich entsprechende Gruppierungen grundsätzlich skeptisch sehe - wie beispielsweise die erwähnten "Brights" - und auch nie Mitglied einer Partei sein konnte.

Warum muß sich "Vernunft" auf die Fahnen schreiben, wer welche besitzt? Ideologische Festlegung verträgt sich eben nicht mit Vernunft. Oder wie Nietzsche sinngemäß meinte: Denkende Menschen sind immer schlechte Parteigänger, weil sie sich durch jedes Programm "hindurchdenken".

fermat hat geschrieben:
Oblomov hat geschrieben:Ich sprach von der "links-liberalen Elite", nicht vom linken Pöbel. Also eher von Leuten, die die ZEIT abonniert haben und Habermas und Heribert Prantl toll finden.
Auf der anderen Seite gibt es ja auch das grölende "Pack" - und dann noch Leute wie Safranski oder Sieferle.

Wo befindet sich denn diese links-liberale Elite?
Wenn ich an Linke denke, denke ich an Claudia Roth, Kathrin Göring Eckardt, Petra Pau, Cem Özdemir ...


Wohlwollend interpretiert könnte man den Terminus "links-liberale Elite" auch als Ausdruck einer vagen Hoffnung verstehen. Wobei allerdings immer noch zu fragen wäre, wo man die findet und in welchem Verständnis sie "links" und "liberal" sein muß. :wink:

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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Oblomov am Sa 31. Mär 2018, 10:35

fermat hat geschrieben:Wo befindet sich denn diese links-liberale Elite?
Wenn ich an Linke denke, denke ich an Claudia Roth, Kathrin Göring Eckardt, Petra Pau, Cem Özdemir ...
Nicht gerade eine geistige Elite, wobei sie sich selbst bestimmt für intellektuell herausragend halten.
Als einzige intelligente Linke kann ich spontan Sarah Wagenknecht nennen..


Die Genannten sind allesamt linke Politiker. Und in der Politik dominiert nunmal das Stammesdenken (dem "fermat" ganz offensichtlich verhaftet ist). Das kann auch kaum anders sein, denn in der Politik geht es darum, etwas durchzusetzen, und das geht halt nur im "Stammesverbund", nicht als Einzelkämpfer.

Generell ist die Politik nicht der Ort, wo man nach Quellen und Hotspots der Aufklärung suchen sollte, denn kaum etwas legt der Vernunft solche Fesseln an wie das erwähnte Stammesdenken, wo die Vernunft dann zum Anwalt einer "Sache" degradiert wird. Das ist sie im Alltag auch in den allermeisten Fällen (Humes Diktum, "reason is the slave of the passions" gilt immer noch), aber das ist dann eben keine Aufklärung, so wie ich es verstehe: als der nicht eben leichte Versuch, sich durch all die kognitiven Verzerrungen und emotionalen Präferenzen und sozialen Bindungen hindurchzuarbeiten, um den Sachverhalten jenseits der Verzerrungen und Präferenzen so nahe wie möglich zu kommen.
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Oblomov am Sa 31. Mär 2018, 10:46

manniro hat geschrieben:Warum muß sich "Vernunft" auf die Fahnen schreiben, wer welche besitzt? Ideologische Festlegung verträgt sich eben nicht mit Vernunft.


Wohl wahr...
Aber Vernunft besitzen nutzt wenig. Hier gilt, wie im Leben generell: Use it or lose it.

Auch in der Sphäre der Ideen gibt es so etwas wie Entropie: Ohne Zufuhr von Energie und ohne Arbeit kehren die Dinge quasi von selbst wieder zu Unordnung und Chaos zurück. Anders ausgedrückt: Es gibt viel mehr Arten von Dummheit und Irrtum als von Klugheit und Wissen.

So wie ein Körper ständig an sich arbeiten muss, um nicht der Entropie anheim zu fallen (dieser Kampf geht bekanntlich immer verloren, am Ende...), so muss auch in einer Kultur ständig das nützliche Wissen erneuert, reproduziert und am besten erweitert werden, um den Verfall hin zu Dummheit, Aberglaube usw.. entgegen zu wirken. Ob auch dieser Kampf letztlich zum Scheitern verurteilt ist, kann man nicht sagen, da wir uns noch mitten drin befinden.
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon manniro am So 1. Apr 2018, 10:10

Oblomov hat geschrieben:
manniro hat geschrieben:Warum muß sich "Vernunft" auf die Fahnen schreiben, wer welche besitzt? Ideologische Festlegung verträgt sich eben nicht mit Vernunft.


Wohl wahr...
Aber Vernunft besitzen nutzt wenig. Hier gilt, wie im Leben generell: Use it or lose it.


Man kann nicht "nicht denken" - wenn man denn denken kann. Es denkt sich von selber, die "Vernunft" muß nicht vorsätzlich aktiviert werden. :wink:

Was manchmal auch Fluch sein kann. Über gewisse Dinge möchte ich gar nicht zum x-ten Male nachdenken, kann es aber nicht verhindern.

Wie schon gesagt, das Prinzip der Vernunft ist permanentes In-Frage-Stellen, auch des gerade erst als richtig "erkannten". Nur so kann man zu halbwegs haltbaren Aussagen kommen. Deshalb bin ich als "Follower" irgendwelcher manifestierten Systeme auch denkbar ungeeignet. :wink:

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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Bergamotte am So 1. Apr 2018, 20:07

Oblomov hat geschrieben:
fermat hat geschrieben:Wo befindet sich denn diese links-liberale Elite?
Wenn ich an Linke denke, denke ich an Claudia Roth, Kathrin Göring Eckardt, Petra Pau, Cem Özdemir ...
Nicht gerade eine geistige Elite, wobei sie sich selbst bestimmt für intellektuell herausragend halten.
Als einzige intelligente Linke kann ich spontan Sarah Wagenknecht nennen..


Die Genannten sind allesamt linke Politiker. Und in der Politik dominiert nunmal das Stammesdenken (dem "fermat" ganz offensichtlich verhaftet ist). Das kann auch kaum anders sein, denn in der Politik geht es darum, etwas durchzusetzen, und das geht halt nur im "Stammesverbund", nicht als Einzelkämpfer.

Generell ist die Politik nicht der Ort, wo man nach Quellen und Hotspots der Aufklärung suchen sollte, denn kaum etwas legt der Vernunft solche Fesseln an wie das erwähnte Stammesdenken, wo die Vernunft dann zum Anwalt einer "Sache" degradiert wird.
Steven Pinker oder Michael Shermer kann man wohl gerechtfertigt zur “Rationalismus Elite” rechnen (auch wenn sie imho ab und zu Unsinn von sich geben – aber vielleicht liegt's an mir), aber was ist an denen eigentlich noch so links?

Steven Pinker wird mittlerweile zu Alt-Right gezählt. Spätestens nach “PinkerGate”. :mrgreen:
Bild Und dass er die bereits angesprochene SPLC-Klassifizierung von Ayaan Hirsi Ali als “Haterin” kritisiert … au weia… das ist hart rechts.

Michael Shermer hat sich selbst als “libertarian” bezeichnet, also nicht links.
Das ist sie im Alltag auch in den allermeisten Fällen (Humes Diktum, "reason is the slave of the passions" gilt immer noch)
Nur wie hat er das gemeint? :mrgreen: Was meinst du so als studierter Philosoph? Denn das folgende hat er auch gesagt:
David Hume hat geschrieben:The moment we perceive the falsehood of any supposition, or the insufficiency of any means our passions yield to our reason without any opposition.
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon fermat am So 1. Apr 2018, 21:23

Ich finde, dass die politischen Begriffe links und rechts eine gewisse Beliebigkeit
bekommen haben.
Es kommt eigentlich einer Einteilung in gut und böse gleich.

"Links ist wer meine Meinung teilt und für das Gute ist, Rechts ist wer meine Meinung nicht teilt und für das Böse ist".

Übrigens hat der Nazibegriff in der Moderne einen sehr positiven Wandlungsprozess durchlaufen. War früher jemand Nazis, der die Menschen aufgrund ihrer Abstammung in Rassenkategorien einteilt, daraus eine Wertigkeit ableitet und Völkermord rechtfertigt, ist heute jemand ein Nazi, der sich um Bedürftige kümmert.

https://www.focus.de/politik/deutschland/staatsschutz-ermittelt-nach-versorgungsstopp-fuer-auslaender-essener-tafel-mit-parolen-beschmiert_id_8523176.html

Unterm Strich bleibt mir zu sagen, dass diese Begriffe nur noch inhaltsleere Schlagworte sind, um Menschen mit unliebsamen Meinungen zu stigmatisieren und sich selbst moralisch zu erhöhen.
In diesem Metier hat die Kirche schon über Jahrhunderte Erfahrung gesammelt.

https://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-artland/artikel/934802/gesang-und-glockengelaeut-gegen-afd-kundgebung-in-quakenbrueck#gallery&0&0&934802
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon manniro am Mo 2. Apr 2018, 07:39

fermat hat geschrieben:Ich finde, dass die politischen Begriffe links und rechts eine gewisse Beliebigkeit bekommen haben. Es kommt eigentlich einer Einteilung in gut und böse gleich.

"Links ist wer meine Meinung teilt und für das Gute ist, Rechts ist wer meine Meinung nicht teilt und für das Böse ist".


Deshalb kommt die "Antifa" vermutlich aus dem Staunen auch selbst nicht mehr heraus. Die werden sich fassungslos fragen, welchem Umstand es wohl zu verdanken ist, daß eine ehemalige Bürgerschreck-Bewegung in der öffentlichen Wahrnehmung binnen weniger Jahre zur Avantgarde der Verteidigung des "Guten und Gerechten" mutieren konnte. :lol:

Aber die verorten sich zwar zweifellos "links", sind aber wohl weniger "liberal" und schon gar nicht "Elite" - zumindest nicht nach dem, was ich bisher so aus dieser Richtung gehört habe. Möglicherweise muß ich aber auch mein "Elite"-Verständnis korrigieren.

fermat hat geschrieben:Übrigens hat der Nazibegriff in der Moderne einen sehr positiven Wandlungsprozess durchlaufen. War früher jemand Nazis, der die Menschen aufgrund ihrer Abstammung in Rassenkategorien einteilt, daraus eine Wertigkeit ableitet und Völkermord rechtfertigt, ist heute jemand ein Nazi, der sich um Bedürftige kümmert.

https://www.focus.de/politik/deutschland/staatsschutz-ermittelt-nach-versorgungsstopp-fuer-auslaender-essener-tafel-mit-parolen-beschmiert_id_8523176.html


Was in Zusammenhang mit der Essener Tafel abgeht, spottet wirklich jeder Beschreibung, veranschaulicht aber andererseits exemplarisch die aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten.

Da übernehmen Bürger ehrenamtlich originär staatliche Aufgaben - "ehrenamtliches Engagement" ist ja inzwischen ebenso abgefordertes wie konstitutives Element unseres Staatsgebildes, wie auch sonst sollte politisches Versagen kaschiert und kompensiert werden? - und werden anschließend von eben den Versagern dafür kritisiert, daß sie es nicht "political correct" tun. Und zu allem Überfluß befinden sich die Versager auch noch ideologisch auf einer Linie mit besagter "Antifa".

Um es zuzuspitzen: Wer sich also berufen fühlt, eine Intitiatve zur Unterstützung schneeblinder Huskies zu gründen muß sich anschließend vor untätigen "Wir-schaffen-das-Tierschützern" dafür rechtfertigen, nur eingeschränkt auch etwas für die gehbehinderten Bobtails zu tun, die diese importiert haben? Oder wenn ich mich entschließe ausschließlich lesbische Omas über achtzig mit ukrainischen Wurzeln zu unterstützen, darf ich das dann nicht, weil das eine Benachteiligung unter 30-jähriger Homosexueller aus dem Süd-Sudan darstellt?

Was soll man dazu noch sagen?

Hat zwar nur peripher mit dem Thema zu tun, war mir aber einen Einwurf wert. :wink:

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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Oblomov am Mo 2. Apr 2018, 09:22

manniro hat geschrieben:Man kann nicht "nicht denken" - wenn man denn denken kann. Es denkt sich von selber, die "Vernunft" muß nicht vorsätzlich aktiviert werden. (...)


Doch, die Vernunft muss aktiviert werden, denn das, was "sich von selbst denkt", das ist das von Kahnemann so genannte schnelle System 1, welches im Alltag ganz großartig ist. Aber weil es auch voller kognitiver Verzerrungen ("biases") steckt, ist es eher ungeeignet, wenn man den Dingen auf den Grund gehen will. Hierzu braucht es Arbeit.
Überlässt man sich den automatisch sich selbst produzierenden Assoziationsketten, dann kommen eben all die Pseudotheorien raus, die man im Volksaberglauben oder in Verschwörungstheorien kennt. Denn auf einer intuitiven Ebene (System 1!) ist das alles sehr schlüssig und einleuchtend.
Wer nicht intensiv - und zwar nicht nur allein, sondern im Verbund mit anderen! - diese Assoziationsketten hinterfragt, der wird über Alltagswissen nicht herauskommen.
Es ist ja nicht so, dass vor der Aufklärung alle irgendwie "benebelt" waren! Die Leute haben im Mittelalter Kathedralen gebaut, dazu braucht es verdammt viel KnowHow und einen klaren Kopf. Aber das zählt letztlich noch zum praktischen Wissen. Aufklärung un Wissenschaft, so wie ich es verstehe, geht darüber hinaus.

manniro hat geschrieben:Wie schon gesagt, das Prinzip der Vernunft ist permanentes In-Frage-Stellen, auch des gerade erst als richtig "erkannten". Nur so kann man zu halbwegs haltbaren Aussagen kommen. Deshalb bin ich als "Follower" irgendwelcher manifestierten Systeme auch denkbar ungeeignet.


Genau so muss es sein!
Allerdings mit einer kleinen, aber wichtigen Einschränkung: In der Wissenschaft gibt es Fragen, die irgendwann mal geklärt sind, und als solche nicht mehr in Frage gestellt werden. Nur so gibt es hier Fortschritt (den es etwa in der Philosophie oder Esoterik nicht gibt!)
Wer heute noch in Frage stellt, dass Vulkanismus und Erdbeben mit der Plattentektonik zusammenhängen, oder dass AIDS durch das HI-Virus ausgelöst wird, der betreibt keine Aufklärung , sondern das Gegenteil: Obskurantismus
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Oblomov am Mo 2. Apr 2018, 09:32

fermat hat geschrieben:Ich finde, dass die politischen Begriffe links und rechts eine gewisse Beliebigkeit
bekommen haben.Es kommt eigentlich einer Einteilung in gut und böse gleich.


Ich bereue auch schon, dass ich in meinem Eingangsbeitrag den Ausdruck "links-liberal" benutzte.
Ich hätte vorhersehen müssen, dass das für manche zum Schlüsselreiz geworden ist, und zwar auch für solche, die im nächsten Satz dann behaupten, die Unterscheidung zw. Links und Rechts habe in der Politik ihre Bedeutung verloren.
(ich glaube, dass dieser Dichotomie eine wichtige und immer noch aktuelle Unterscheidung zugrunde liegt)

Ob das so ist, könnte man in einem anderen Thread diskutieren...
- - - - -

Bergamotte hat geschrieben:Steven Pinker wird mittlerweile zu Alt-Right gezählt. Spätestens nach “PinkerGate”.


Nein, wird er nicht (außer von irgendwelchen Typen, denen es auf Clicks und Re-Tweets ankommt, und die dazu einen "Skandal" produzieren wollen.
Hast du Pinkers Buch gelesen? Auch das wäre einen Thread wert. Warum machst du nicht mal einen solchen auf?
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon Bergamotte am Mo 2. Apr 2018, 10:04

Oblomov hat geschrieben:Ich hätte vorhersehen müssen, dass das für manche zum Schlüsselreiz geworden ist, und zwar auch für solche, die im nächsten Satz dann behaupten, die Unterscheidung zw. Links und Rechts habe in der Politik ihre Bedeutung verloren.
Ne, das ist nicht meine Kritik.
Wikipedia: Politische Rechte (Politik) hat geschrieben:Als politische Rechte wird ein Teil des politischen Spektrums bezeichnet. Sie geht von einer Verschiedenheit der Menschen aus und befürwortet oder akzeptiert daher eine gesellschaftliche Hierarchie. Ungleichheit wird deshalb von der politischen Rechten als unausweichlich, natürlich, normal und wünschenswert betrachtet.
Wikipedia: Politische Linke (Politik) hat geschrieben:Mit linker Politik werden sehr unterschiedliche Umsetzungsversuche jener ideologischen Ansätze bezeichnet, welche die Aufhebung von Ungleichheit und als Unterdrückung begriffenen Sozialstrukturen, zugunsten der wirtschaftlich oder gesellschaftlich Benachteiligten, zum Ziel haben.
grob gesagt würde ich das unterschreiben.
Oblomov hat geschrieben:Nein, wird er nicht (außer von irgendwelchen Typen, denen es auf Clicks und Re-Tweets ankommt, und die dazu einen "Skandal" produzieren wollen.
Natürlich war das etwas ironisch gemeint. Jedoch, PZ Myers, der meint, dass Pinker ein Krypto-Rechtsradikaler ist, ist ein atheistischer links-liberaler Professor mit einem Blog auf der Seite freethoughtblogs.com (und damit das in den Kopf reingeht: das heißt übersetzt “freigeisterblogs.com”).

Ich frage mich ja nur, wer unter links-liberale Elite fällt, wenn nicht mal solche Leute dazu zählen…

Gilt nicht die Washington Post (“Democracy Dies in Darkness” – könnte auch ein Death Metal Album sein…) so als die Zeitung, die die links-liberale Elite liest? Und da wird Pinker auch gebasht…
Washington Post hat geschrieben:But in “Enlightenment Now,” Pinker celebrates inequality as “a harbinger of opportunity.” Observing these differences in his work some 16 years apart, it seems that he has not become the champion of Enlightenment ideas in this respect, but rather has forgotten them without even noticing.
Oblomov hat geschrieben:Hast du Pinkers Buch gelesen?
Welches? Das letzte? Nein. Ich beschäftige mich lieber first-hand mit SJW- und Internetdrama. Ich denke, da bin ich Experte und kann am meisten zur Diskussion beitragen. :mrgreen:
Auch das wäre einen Thread wert. Warum machst du nicht mal einen solchen auf?
Im Vergleich zu den andauernden EXTREEEEEEEEEEMEEN Off-Topic Abschweifungen in diesem Forum bin ich hier gerade 150% on-topic.
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon manniro am Mo 2. Apr 2018, 11:12

Oblomov hat geschrieben:
manniro hat geschrieben:Man kann nicht "nicht denken" - wenn man denn denken kann. Es denkt sich von selber, die "Vernunft" muß nicht vorsätzlich aktiviert werden. (...)


Doch, die Vernunft muss aktiviert werden, denn das, was "sich von selbst denkt", das ist das von Kahnemann so genannte schnelle System 1, welches im Alltag ganz großartig ist.


"Denken" ist in noch geringerem Maße aktivier- oder de-aktivierbar als "Verdauen", es braucht zur Tätigkeit noch nicht einmal eine aktuell zugeführte äußere Stimulanz und beschäftigt sich zur Not mit sich selber.

Meine Skepsis gegenüber einem Denken, das sich selber in Systeme einsperrt, habe ich ja bereits ausreichend dargestellt. Damit läßt sich bestenfalls verdeutlichen, was einen Ingenieur von einem Philosophen unterscheidet.

Ich "feile" da lieber "...an meinem Gedanken", wie es Lec empfiehlt, obwohl auch das eine Aktivität suggeriert, die nicht gegeben ist. Also besser: Ich beobachte den Denkprozess, der mich ausmacht.

Aber weil es auch voller kognitiver Verzerrungen ("biases") steckt, ist es eher ungeeignet, wenn man den Dingen auf den Grund gehen will. Hierzu braucht es Arbeit.


Würde ich Denken als "Arbeit" empfinden, hielte sich mein Interesse an Philosophie sicher in engen Grenzen. Und die Aufhebung "kognitiver Verzerrungen" ist die natürliche Folge von "Denken", indem die Bedingungen der Erkenntnis und deren (vorläufige) Resultate permanent hinterfragt werden. Vom Aberglauben, jemals über "die vollständige Information" verfügen zu können, habe ich mich schon vor längerer Zeit verabschiedet, da begnüge ich mich wie gesagt mit meiner subjektiven Perspektive.

Überlässt man sich den automatisch sich selbst produzierenden Assoziationsketten, dann kommen eben all die Pseudotheorien raus, die man im Volksaberglauben oder in Verschwörungstheorien kennt.


Der erste Entschluß, sich fürderhin nicht mehr "selbst produzierenden Assoziationsketten" überlassen zu wollen, muß dann allerdings logisch zwingend auch einer solchen Kette entsprungen sein, es scheint also nicht nur Schlechtes daraus zu resultieren.

Die Leute haben im Mittelalter Kathedralen gebaut, dazu braucht es verdammt viel KnowHow und einen klaren Kopf. Aber das zählt letztlich noch zum praktischen Wissen. Aufklärung un Wissenschaft, so wie ich es verstehe, geht darüber hinaus.
.

Da sind wir uns wohl einig, siehe meine Unterscheidung zwischen Ingenieurskunst und Philosophie. Einige meiner besten Freunde sind/waren Ingenieure, ich habe große Hochachtung vor deren praktischen und intelektuellen Fähigkeiten. Letztere taugen zum Philosophieren allerdings nur bedingt, eben weil der Fokus auf dem Pragmatischen liegt.

Deshalb auch:

Allerdings mit einer kleinen, aber wichtigen Einschränkung: In der Wissenschaft gibt es Fragen, die irgendwann mal geklärt sind, und als solche nicht mehr in Frage gestellt werden. Nur so gibt es hier Fortschritt (den es etwa in der Philosophie oder Esoterik nicht gibt!)


Ich bin in der glücklichen Lage, zu keiner Form von Utilitarismus genötigt zu sein, muß auch meine Gedanken nicht zu Geld machen. Daher kann ich mir den Luxus leisten, einer weiteren Empfehlung von Lec Gehör zu schenken: "Wenn die Rede vom Fortschritt ist, frage stets: Fortschritt wessen?".

Oder auch dem "...auf dem Marktplatz rumzuhängen und Leute zum Denken anzustacheln", dessen Verlust die Autoren Robert Frodeman und Adam Briggle in ihrem 2016 erschienenen Buch "Socrates Tenured: The Institutions of 21st-Century Philosophy" beklagen. Und zwar im Gegensatz zu dem von Dir in Deinem Thread "Die Universitätsphilosophie ist irrelevant geworden" zitierten Eilenberger nicht als Spezifikum der deutschen Philosophie, sondern als Gesamtbefund. Von mir in diesem Beitrag angesprochen.

Es scheint sich also um ein schon länger bekanntes Problem in der Selbstwahrnehmung von Schul-Philosophen zu handeln.

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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon neurosemantik am Fr 13. Apr 2018, 14:06

manniro hat geschrieben:Und die Aufhebung "kognitiver Verzerrungen" ist die natürliche Folge von "Denken", indem die Bedingungen der Erkenntnis und deren (vorläufige) Resultate permanent hinterfragt werden.

In der westlichen Welt gibt es etwa 3000 Philosophieprofessuren und 3000 verschiedene Philosophierichtungen.
Bei 7600000000 Menschen gibt es natürlich auch 7600000000 Philosophische Ansichten zumal Jedes Hirn aus 100000000000000 Synapsen besteht, die bei jedem anders geprägt wurden
(und im Erwachsenenalter nicht mehr alle umgebaut werden können).
Zudem kommt, dass der Mensch die Umwelt nicht wahrnimmt, wie sie ist, sondern wie das Hirn sie ihm vorspiegelt (sogar das ICH ist ja eine Illusion um den Menschen handlungsplanungsfähig zu halten).

(Wissenschaftliche) Fakten (gerade wenn die Zusammenhänge etwas komplexer sind) wird "man" immer ignorieren und in seine Vorstellungswelt zu einer "Wahrheit", die zu der Blase gehört, in der man lebt (ja immer leben muss) machen.
"Denken" hilft da auch nur, wenn es naturwissenschaftlich bleibt und nicht der hirninterne Blasendrang zum Wunschvater der Gedanken wird...
Ob intellektuelle Redlichkeit mit Vulgärmaterialismus-Gefahr oder religiöse Phantasmagorien - wir alle sind nur Gefangene der von der sinnlosen Evolution erzeugten absurden Ausweglosigkeit der hedonistischen Tretmühle. Doch wem ist das schon bewusst?...
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Re: Aufklärung im Rückwärtsgang

Beitragvon manniro am Sa 14. Apr 2018, 09:27

neurosemantik hat geschrieben:
manniro hat geschrieben:Und die Aufhebung "kognitiver Verzerrungen" ist die natürliche Folge von "Denken", indem die Bedingungen der Erkenntnis und deren (vorläufige) Resultate permanent hinterfragt werden.

In der westlichen Welt gibt es etwa 3000 Philosophieprofessuren und 3000 verschiedene Philosophierichtungen.
Bei 7600000000 Menschen gibt es natürlich auch 7600000000 Philosophische Ansichten zumal Jedes Hirn aus 100000000000000 Synapsen besteht, die bei jedem anders geprägt wurden (und im Erwachsenenalter nicht mehr alle umgebaut werden können).


In diesem Zusammenhang hätte mich auch die Anzahl derjenigen interessiert, die munter von Dingen schwätzen, von denen sie auch nicht die Spur einer Ahnung haben. Ist das eine Teilmenge vorstehender Aufzählung, oder geht sie noch darüber hinaus?

Zudem kommt, dass der Mensch die Umwelt nicht wahrnimmt, wie sie ist, sondern wie das Hirn sie ihm vorspiegelt ...


Faszinierend. Wie ist das Hirn nur dahintergekommen?

(Wissenschaftliche) Fakten (gerade wenn die Zusammenhänge etwas komplexer sind) wird "man" immer ignorieren und in seine Vorstellungswelt zu einer "Wahrheit", die zu der Blase gehört, in der man lebt (ja immer leben muss) machen.


Wenn das mal nicht nur eine "Wahrheit" ist, die Dir die "Vorstellungswelt" Deiner "Blase" vorspiegelt. Dann hätten wir den Salat.

"Denken" hilft da auch nur, wenn es naturwissenschaftlich bleibt und nicht der hirninterne Blasendrang zum Wunschvater der Gedanken wird...


Eines der großen Rätsel der Philosophiegeschichte. Wie konnte "das Denken" nur den Wert der Naturwissenschaften erkennen, bevor es naturwissenschaftlich war? Ein Zufallstreffer des "hirninternen Blasendrangs"?

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