manniro hat geschrieben:Allein die Tatsache, daß Du nach der Entscheidung die Frage "Warum?" beantworten kannst zeigt, daß Deine Entscheidung nicht frei gewesen sein kann.
Die Tatsache, dass man nach der Entscheidung die „Warum?“-Frage beantworten kann zeigt höchstens, dass die Entscheidung mehr oder weniger vernünftig war. Freiheit ist an dieser Stelle nicht betroffen. Ich hatte nie bestritten, sondern im Gegenteil immer wieder betont, dass eine Handlung aus Gründen erfolgt. Ihr unterstellt mir immer wieder, dass Freiheit gleichbedeutend mit 'frei von allen Bedingungen' zu sein hätte. In diesem Fall wären nur völlig irrationale oder vollständig unberechenbare Personen frei. Also gerade diejenigen, die nach alltäglicher Auffassung nicht frei handeln. Eine so verstandene Freiheit wäre nicht wünschenswert und ist auch unrealistisch. Ich muss so eine Freiheitsauffassung aber nicht vertreten. Das eine Wahl getroffen wurde und davor (vielleicht nur ganz kurz) über die Optionen nachgedacht werden konnte zeigt nach meiner Auffassung, dass die Entscheidung frei war.
manniro hat geschrieben:Denn es steht Dir nicht frei, gegen Deine Überzeugungen zu entscheiden. Und diese stehen nicht zu Deiner Disposition. Was Dich überzeugt, überzeugt Dich halt, ob Du willst oder nicht, deshalb heißt es auch "Über"-zeugen.
Selbstverständlich kann man sich über seine eigene Überzeugungen hinwegsetzen. Das ist in der Regel sehr unvernünftig und kommt vielleicht auch nur selten vor. Deswegen ist es aber nicht unmöglich. Solche Handlungen sind vielleicht Handlungen ohne guten Grund – aber es sind keine völlig grundlosen Handlungen. Entscheidend ist, dass auch begrenzt irrationale, willensschwache oder schlechte Personen noch Gründe abwägen können. Wenn eine Option vernünftig ist, ist es geboten sie auszuführen. In diesem Sinne sind wir auch verpflichtet, die 'vernünftigste' Wahl zu treffen bzw. nach dem 'vernünftigsten' Grund für eine Handlung zu suchen. Aber wie finden wir denn eine passende Überzeugung für eine zur Wahl stehende Option? In der Regel können wir doch erst nach einer Handlung sagen, was der bestimmende Grund war. Wenn die stärkste Überzeugung erst während der Entscheidung gefunden wird, kann man nicht mehr von Vorherbestimmung durch Überzeugungen sprechen. Überzeugungen fallen auch nicht einfach so vom Himmel, sondern sie werden im Laufe der Zeit gebildet. Auch diesem Prozess ist man nicht völlig hilflos ausgeliefert.
manniro hat geschrieben:Was also sollen diese ganzen Spitzfindigkeiten? Mit dieser Frage bist Du dann nämlich direkt bei der Widerlegung Deiner nächsten Annahme. Das Erfordernis der Hypothese eines freien Willens kann in der Tat nur entlang der Frage beantwortet werden, wer ein Interesse an einer derartigen Annahme haben kann. Und die Antwort lautet: eine wie auch immer geartete Gerichtsbarkeit, die auf "Schuld" basiert, sei sie nun Dies-, oder Jenseitig.
Natürlich haben ganz bestimmte Leute ein Interesse daran, uns zur Verantwortung zu ziehen oder schuldig zu sprechen. Zur Rechenschaft ziehen bzw. schuldig sprechen hat immer mit Macht zu tun. Wenn sich Menschen gegenseitig zur Verantwortung ziehen, kann das in der Praxis scheitern. Macht kann immer missbraucht werden, ungerecht oder nicht rechtmäßig erworben sein. Es kann aber auch gut gehen. Menschen streiten und versöhnen sich und mancher Straftäter steht vielleicht zu Recht vor Gericht. Das kann man immer nur im Einzelfall beurteilen und dazu kann ich nichts weiter sagen. Mir leuchtet aber nicht ein, dass es angeblich keine Willensfreiheit geben soll, weil die 'diesseitige' zwischenmenschliche Praxis scheitern kann oder bestimmte Leute nach Macht streben.
Es sieht aber völlig anders aus, wenn wir uns vor einer 'jenseitigen Gerichtsbarkeit' verantworten sollen. Hier entstehen schon aus theoretischen Gründen nicht behebbare Probleme, die man in der 'diesseitigen' zwischenmenschlichen Praxis nicht hat.
manniro hat geschrieben:Dem Individuum kann es doch völlig gleichgültig sein, ob "sein Wille" nun frei ist, oder nicht, so lange es sich als authentisch erlebt.
Ich hatte schon gesagt, dass wir uns im Alltag ganz selbstverständlich unsere Handlungen gegenseitig zuschreiben und dass daraus die Willensfreiheit folgt, weil die beiden Alternativen Determinismus / Zufall diese Praxis nicht hinreichend erklären können. Wir können doch z.B. die Beiträge hier im Forum auseinander halten. Wir wissen doch, wer hier was schreibt – und niemand schreibt hier zufällig oder vorherbestimmt. Man könnte sich doch gar nicht als authentisch erleben, wenn man nicht von seinen Handlungen sprechen könnte sondern von zufälligen oder vorherbestimmten Ereignissen reden müsste.





