Ok, hier meine Antwort:
Zunächst muss man erstmal verstehen, was ees heißt, "rational" zu sein. Im weitesten Sinne bedeutet es,
Regeln beim Denken anzuwenden. Wenn es sich um Regeln handelt, die sich beim Denken
bewährt haben, dann spricht man von vernünftigem Denken. Eine der Regelsätze, die sich im Denken und beim Betrachten der Realität außerordentlich bewährt haben, ist die klassische Logik. Ich bin aber jederzeit bereit, auch andere Regelsätze anzuerkennen - ich benutze selbst eine Erweiterung der alten aristotelischen Logik, eine
dreiweitige Logik, die nicht nur "wahr" und "unwahr" kennt, sondern auch "unbestimmt" bzw. "unbestimmbar". Außerdem kenne ich die dialektische Logik - und verwende sie, wenn auch ohne die "hegelschen Entartungen" - und die Fuzzy Logik, die beliebige viele Zwischenwerte zwischen "wahr" und "unwahr" kennt.
In einer Diskussion st es wichtig, sich auf Regeln zu einigen. Ansonsten ist es wie bei einem Spiel, bei dem beide Mannschaften verschiedene Regeln betrachten - nicht besonders sinnvoll. Oder, und das ist in diesem Fall noch schlimmer, eine Mannschaft - die der Atheisten - hält sich an bestimmte, bewährte Regeln, die andere Mannschaft - die Theisten, die mit dem Satz kommen, dass Gott keiner Logik, also keinen Regeln unterworfen ist - hält sich an die Regeln nur dann, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und sonst nicht.
Das Gegenteil von Vernunft ist Beliebigkeit. Wenn also jemand nach beliebigen Regeln "spielen" möchte - das kann ich auch. Gleiches Recht für alle! Wenn also jemand sagt, dass Gott nicht rational verstehbar ist, dann kann ich antworten. "Ach, dann ist Gott also nichts weiter als ein mit Schinken belegtes Brötchen ... so einen Gott würde ich niemals verehren!".
Wenn jemand sagt, dass Gott nicht rational verstehbar ist, dann sagt derjenige nichts weiter als: "Ich behalte es mir vor, die Regeln jederzeit beliebig zu ändern, wenn ich merke, dass ich ein Argument verliere!". Im täglichen Leben bezeichnen wir so jemanden als Spielverderber, und niemand würde mit ihm spielen wollen. Bei Diskussionen ist das tatsächlich so etwas wie Diskussionsverweigerung - ich will eigentlich nicht mit Dir reden, wenn Regeln im Spiel sind, die dazu führen könnten, dass ich ein Argument verliere. Die Regeln zu benutzen, wenn sie für mich einen Vorteil bedeuten, und sie beliebig abändern, wenn sie mir zum Nachteil gereichen, macht jede Diskussion unmöglich.
Gott mag keinen Regeln unterliegen - aber wir tun es. Keinen Regeln unterliegen ist von uns von Chaos, Willkürlichkeit, Zufall, Beliebigkeit nicht zu unterscheiden. Wenn Du einen Chaos-Gott verehren willst, dann ist das Dein Problem. Wenn Du darauf bestehst, unvernünftig zu sein, dann ist das auch Dein Problem. Wenn Du im täglichen Leben so handelst, werde ich den Umgang mit Dir meiden.
Wenn jemand im Leben Regeln vorgibt (wie Gott), sich aber jederzeit vorbehält, nicht danach zu handeln, dann nennen wir ihn einen Tyrannen. Tatsächlich ist es eine bewährte Methode tyrannischer Herrschaft, willkürlich zu verfahren, weil das Angst erzeugt.
Wenn Du also einen tyrannischen, chaotischen Gott verehrst, so muss ich so eine Verehrung als höchst unmoralisch ablehnen. Dann trifft der Vorwurf der Morallosigkeit die Theisten, die so von ihrem Gott denken.
Aber eigentlich ist es nur eine Ausrede. Es ist nicht Gott, der regellos ist, es sind nur die Menschen, die so rechthaberisch sind, dass sie Regeln immer dann verwerfen, wenn sie mal nicht Recht behalten sollten. Wenn Gott der Schöpfer des Universums ist, dann ist die Schöpfung seine erste Offenbarung. Und die ist von geradezu makelloser Regelmäßigkeit (mit Ausnahmen). Wenn man sagt, dass Gott alle Regeln geschaffen hat, dann aber an einen Gott glaubt, der völlig regellos ist, dann widerspricht man sich selbst.
Es gibt noch eine zweite, wohlwollendere Interpretation: Wir können Gott nicht
vollständig rational verstehen. Das ist trivial-wahr, wir können auch einen Kieselstein nicht
vollständig verstehen. Aber das ist kein Grund dafür, jede Regel beim Betrachten eines Kieselsteins zu ignorieren. Erkennen kann man nur etwas, das bestimmten Regeln unterliegt. Jedes Sehen, überhaupt jede Wahrnehmung, basiert darauf, dass wir logische Rückschlüsse ziehen. Nur insoweit die Regeln, die Logik dieser Rückschlüsse gilt, können wir etwas erkennen, etwas wahr-nehmen.
Wir können also nur den Teil von Gott überhaupt erkennen, auf den wir auch logisch rückschließen können. Und auch nur darüber können wir sinnvoll reden.
Es gibt also rationales, regelbasiertes Denken und das Gegenteil, das irrationale, willkürliche, beliebige Denken. Und es gibt nichtrationale Dinge, wie etwa Geschmack, die einen großen Wert in unserem Leben haben, zur Erkennung von Wahrheit ist das aber ungeeignet. Es ist wahr, dass ich Schokoladeneis lieber mag als Vanilleeis, aber es ist nicht "die Wahrheit", dass Schokoladeneis besser ist als Vanilleeis. Das ist eine Frage des subjektiven geschmacks (für den es rationale Gründe geben mag oder auch nicht). Ich mag z. B. keinen Fisch, weil ich als Kind mal fast an einer Gräte erstickt wäre. Ich habe zwar keine Angst mehr vor Gräten, aber trotzdem finde ich den Fischgeschmack widerlich. Aber ich erkenne an, dass dies nicht von anderen Menschen geteilt werden muss oder sollte. Ich werde, nur weil ich Fisch verabscheue, niemals auf die Idee kommen, anderen das Fischessen zu verbieten.
Die "atheistische Mission" - wenn es eine solche überhaupt gibt, besteht aus zwei Punkten, die wir versuchen, den Theisten klar zu machen:
- Erstens, es ist unvernünftig an Gott zu glauben.
- Zweitens, bedenke, was Du von Leuten hältst, die unvernünftig denken, reden und handeln.
Dem ersten Punkt hast Du schon zugestimmt - es ist unvernünftig, an Gott zu glauben, weil Gott keinen erkennbaren Regeln, keiner Logik unterliegt. Und nun bedenke den zweiten Punkt, durchdenke ihn nochmal, und nochmal, und nochmal ...
Vielleicht erkennst Du dann, warum ich mich so gründlich mit Gott und Religion beschäftige. D. h., ich beschäftige mich weniger mit Gott, ich beschäftige mich mit
menschlichen Denkweisen. Das mag daran liegen, dass ich Psychologe bin.
Moral besteht übrigens auch aus einem Satz an Regeln. Wenn Gott sich an keine Regeln hält - oder die Menschen, die an ihn glauben, auf diesen Gott bauen - dann sollten wir die Religionen, die auf diesen tyrannischen Gott "vertrauen", sofort als unmoralisch verwerfen. vertrauen ist auch nur dort gerechtfertigt, wo es bestimmte Regeln gibt. Man kann nicht "glauben" und "vertrauen" gleichsetzen, wenn für den Glauben keine Regeln gelten. Wenn es keine Regeln gibt, dann ist
alles möglich. Auch, dass Gott nichts weiter ist als ein mit Schinken belegtes Brötchen, der unser Denken tyrannisiert. Darauf eine Moral zu bauen ist verwerflich.